Impulse der Konferenz "2. Arena für Nachhaltigkeit" in Zeulenroda
Im Fokus standen die vier Hauptthemen: radikale Ressourcenproduktivität, ganzheitliches Innovationsmanagement, intelligente Netzwerke und Nachhaltigkeitskultur.
Gerade in der derzeitigen Krise sind die Voraussetzungen für Veränderungen besonders günstig – darüber waren sich mehrere Referenten einig. Für den Initiator der Veranstaltung und Geschäftsführer des Bio-Seehotels Zeulenroda, Stephan Bode, „eröffnet der aktuelle Verlust von Vertrauen in Wirtschaft, Politik und soziale Systeme, Raum für neue Gestaltungsansätze. Nur durch die eigene Erkenntnis, sich seiner Rolle im Einzelnen als bewussten Teil der Lösung zu begreifen wird der Blick für das eine Große Ganze möglich.“ Nachhaltigkeit nehme heute Platz 3 in der Rangliste der Verbraucher- Bedürfnisse ein, berichtete Prof. Dr. Marc Drüner in seinem Vortrag. Der Professor für Marketing und Innovationsmanagement an der Steinbeis-
Hochschule Berlin dokumentierte seine Aussage anhand einer Reihe von Beispielen, wie durch moderne Web 2.0 basierte Kommunikation, Nachhaltigkeit rasant an Bedeutung gewinnt.
Eine grundlegende Systemänderung forderte Prof. Dr. Friedrich Schmidt-Bleek. Seine Berechnungen lösten Betroffenheit bei allen Teilnehmern aus: „Für die Produktion eines wenige 100 Gramm schweren Handys werden sechs Tonnen Natur verbraucht, für ein Auto ca. 50 Tonnen.“ Der „Vater der Dematerialisierung“, wie der Chemiker und Umweltforscher der ersten Stunde genannt wird, fordert deshalb: „Arbeit muss billiger werden, Ressourcen teurer!“ Ziel von Nachhaltigkeitsinnovationen müsste daher auch die radikale Senkung des Material-Input pro Einheit Service (MIPS) sein, forderte der Präsident des Factor 10 Institute und Erfinder der MIPS. Die Berücksichtigung der MIPS von Autos rücke die von Politik und Autoindustrie gefeierte Abwrackprämie in ein äußerst zweifelhaftes Licht, so Schmidt-Bleek.
Dass das Unmögliche möglich gemacht werden kann, verdeutlichte gleich zu Beginn der Konferenz der bekannte Abenteurer, Visionär und Aktivist Rüdiger Nehberg. Eindrucksvoll präsentierte er, wie er mit Kreativität, Mut und Unbeirrbarkeit seine Ziele erreicht hat. Angefangen mit seinem 1.000 km Marsch durch Deutschland ohne Proviant, seinem Einsatz für den Schutz der brasilianischen Yanomami-Indianer und ganz aktuell sein Kampf gegen die Genitalbeschneidung bei Mädchen in Afrika.
In einer Reihe von Beiträgen wurde deutlich, dass echtes Unternehmertum einen
wichtigen Beitrag zur Lösung der aktuellen Probleme leisten kann. „Nachhaltigkeit ist in der DNA von Mittelstand und Familienunternehmern verankert“, so die Innovationsforscherin Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer Instituts System- und Innovationsforschung ISI, Karlsruhe. Prof. Hans B. Bauerfeind, Vorstandsvorsitzender des Familienunternehmens Bauerfeind AG mit Sitz in Thüringen, wies in seinem Vortrag darauf hin, dass Unternehmer im Gegensatz zu Managern für ihr Tun und Lassen haften. So ist für ihn Nachhaltigkeit auch eine Frage der Haftung.
In dem von Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth-Stiftung und Mitgestalter des ARENA-Konferenzprogramms, geleiteten Podiumsgespräch kam
ein weiterer Wesenszug von Familienunternehmen zur Sprache: der Geist des
Gebens als prägendes Element einer Nachhaltigkeitskultur.
Großen Anklang fand auch die Präsentation von Prof. Dr. Michael Bockemühl, der für alle erlebbar machte, dass Nachhaltigkeit im Bewusstsein beginnt. Der Dekan der Fakultät für Kulturreflexion – Studium fundamentale an der privaten Universität Witten/Herdecke sieht einen Nachhaltigkeits-Pfad im Wahrnehmungs-Handeln.
„Sustainability goes limbic“ war die Botschaft von Prof. Dr. Peter Kruse. Der Experte für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen
ermöglichte den Teilnehmern eine einmalige Erfahrung. Mittels eines vernetzten Brainstormings mobilisierte er die kollektive Intelligenz aller Teilnehmer, um zentrale Stellhebel ökologisch und sozial verantwortlichen Handelns für den Mittelstand zu identifizieren. Alle Teilnehmer gaben gleichzeitig ihre Ideen für die Umsetzung des Leitbildes der Nachhaltigkeit in 60 miteinander vernetzte Laptops ein. Jede eingegebene Idee ploppte sofort auf allen Bildschirmen auf und konnte so von allen Teilnehmern bewertet werden. Über Nacht wurden mehr als 600 Ideen vom Netzwerk-Guru Kruse sortiert. Die erste Fassung der „Zeulenroda-Roadmap für nachhaltige Entwicklung im Mittelstand“ konnte so bereits am Abschlusstag der Konferenz präsentiert werden: Menschen, durch eigenes Vorbild überzeugen, Nachhaltigkeit im Unternehmens-Leitbild verankern und eine Wertschätzungs- und Anerkennungskultur pflegen sind drei von insgesamt 17 identifizierten Pfaden auf dem Weg in die Nachhaltigkeits-Gesellschaft.
Dem 11-jährigen Felix Finkbeiner, Vertreter der Kinder beim United Nations
Environment Programme (UNEP), gelang es zum Abschluss der Konferenz
Nachhaltigkeit in den Herzen der Teilnehmer einen Platz zu geben. „Ich danke
Euch, dass Ihr Euch hier mit Nachhaltigkeit beschäftigt, denn wir Kinder müssen das jetzige Handeln und Nicht-Handeln ausbaden. Ihr kratzt vielleicht noch die Kurve und kommt daran vorbei.“ Seit zwei Jahren ist Felix neben der Schule unermüdlich unterwegs, um Erwachsene zu sensibilisieren. Dabei verschafft er sich Gehör bei prominenten Persönlichkeiten wie Al Gore, Prinz Albert von Monaco oder dem deutschen Umweltminister Sigmar Gabriel. In Zeulenroda hat er Kinder aus Thüringen und Sachsen zum Mitmachen bei der von ihm gegründeten Organisation „Plant for the Planet“ animiert. Ihr Ziel ist es, 100.000 Bäume in Thüringen zu pflanzen.
Initiiert von Prof. Dr. Friedrich Schmidt-Bleek wurde bei der "Arena für
Nachhaltigkeit" eine Unterschriftensammlung für eine Petition gestartet, in der die Bundesregierung aufgefordert wird, Rahmenbedingungen zu schaffen, die dazu beitragen den Ressourcenverbrauch drastisch und schnellstmöglich zu verringern. Denn auch die nachfolgenden Generationen haben einen Anspruch auf die Schätze der Erde. Die notwendigen 50.000 Unterschriften werden auf der Website www.nachhaltigkeitsarena.de ab Ende April gesammelt.
(Foto: Rathaus Zeulenroda / Michael Sander)
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